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Öffentliche Stellungnahme zu der DGB-Plakataktion anlässlich des 1. Mai 2016

Offener Brief von ADA, unter anderem an den DGB-Bundesvorstand

Liebe Kolleg_innen des Deutschen Gewerkschaftsbundes,

 

auf dem Weg zu unserem Büro im Bremer Gewerkschaftshaus begegnen wir im Treppenflur seit einigen Wochen dem einen oder anderen lächelnden Gesicht. Die Gesichter sind auf Plakaten zu sehen, auf denen Forderungen für eine arbeitnehmer_innengerechtere Gestaltung von Erwerbsarbeit zu lesen sind. Diese Forderungen bringen uns auf unserem Weg zum Büro ebenfalls zum Lächeln. Weniger lächeln können wir allerdings, wenn wir uns die Gesichter auf den Plakaten eingehender betrachten. Wieso nicht?

 

Plakate, auf denen Gesichter abgebildet werden, sollen eine unmittelbare Vertrautheit und Empathie vermitteln, sodass die_der Betrachter_in einen schnelleren Bezug zu dem transportierten Inhalt herstellt. Die Gesichter auf den DGB-Plakaten stehen zugleich für etwas, sie stehen für jemanden, sie stehen repräsentativ für Arbeitnehmer_innen aus der gesamten Bundesrepublik. Nach der Devise: „Sieh mich an, ich bin Arbeitnehmer_in genau wie du, also sind meine Forderungen auch deine Forderungen“, hat der DGB eine bundesweit flächendeckende Plakataktion anlässlich des 1. Mai gestartet.

 

Das Problem ist nur: Die Gesichter auf den Plakaten stehen nicht repräsentativ für Arbeitnehmer_innen aus der gesamten Bundesrepublik. Sondern, sie stehen ausschließlich für diejenigen, die zu der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft zählen. Und nicht nur das: Sie stehen auch ausschließlich für diejenigen in der Gesellschaft, die vielleicht zwischen 25 – und 45 Jahre alt sind und – jedenfalls äußerlich – allen sonstigen Normvorstellungen zu entsprechen scheinen. Die Plakate bilden also weder die real existierende gesellschaftliche Vielfalt ab. Und noch viel weniger bilden sie ab, dass Deutschland eben keine weiß-deutsche Monokultur darstellt: Denn, die deutsche Gesellschaft war noch nie eine homogene, eine monokulturelle Gesellschaft. Und noch viel weniger ist sie es heute.

Insofern finden wir es nicht nur kategorisch falsch und irritierend, wenn im Rahmen einer bundesweiten DGB-Plakataktion ausschließlich weiße Mehrheitsdeutsche abgebildet werden, die zudem (jedenfalls dem ersten Eindruck nach) alle gesellschaftlichen Normierungen verkörpern. Wir beurteilen dies zu einem Zeitpunkt, zu dem sich die öffentlichen Debatten zu Flucht, Migration und Einwanderung immer mehr um eine innereuropäische Abschottung drehen, zu dem sich die Debatten um die deutsche Asylpolitik immer stärker rassistischer Ressentiments bedienen und zu dem Parteien wie die AfD mit zweistelligen Zahlen in die Landtage einziehen – zu genau diesem Zeitpunkt erscheint uns eine derartige Plakataktion des Deutschen Gewerkschaftsbundes als doppelt absurd und unangebracht.

 

Für den Deutsche Gewerkschaftsbund, der sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzt und sich als politische Stimme der Mitgliedsgewerkschaften bei rund 6,1 Millionen gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer_innen versteht, sollte es eine Selbstverständlichkeit darstellen, die Heterogenität unter diesen 6,1 Millionen Arbeitnehmer_innen konsequent zu thematisieren. Die DGB-Plakataktion zum 1. Mai 2016 tut dies jedenfalls nicht. Mehr noch: Sie verleugnet, dass Deutschland im Jahr 2016 eine heterogene Gesellschaft, eine Migrationsgesellschaft darstellt. Statt mit Klischees und Stereotypen zu brechen, werden Klischees und Stereotype reproduziert. So vergeht uns auch auf dem Weg zu unserem Büro im Bremer Gewerkschaftshaus seit einigen Wochen das Lächeln, wenn im Treppenflur unsere Blicke auf die Plakate fallen.

 

„Zeit für mehr Solidarität“, so lautet die Forderung auf einigen der Plakate zum 1. Mai 2016. Dies bedeutet unserer Ansicht nach auch, sich Zeit zu nehmen, um Zugangsbarrieren zu den und innerhalb der Gewerkschaften abzubauen. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre es, gesellschaftliche Vielfalt über eine bundesweit flächendeckende Plakataktion wenigstens auf symbolischem Wege anzuerkennen. Denn eine Gesellschaft ist erst dann eine solidarische Gesellschaft, wenn Heterogenität bedingungslose Anerkennung erfährt.

 

Mit den besten Grüßen

 

gez.

 

Ikram Rimi

Sewita Mebrahtu

Willi Derbogen

Kiana Ghaffarizad

Olaf Bernau

Fuat Kamcili

 






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