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Dolmetscher_innen im Jobcenter

Offener Brief von ADA, 13.12.2014

JobCenter: Kund_innen haben bei Bedarf das uneingeschänkte Recht, Dolmetscher_innen bzw. Übersetzer_innen in Anspruch zu nehmen

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleg_innen,

 

am 3. Dezember hat die im Bremer Gewerkschaftshaus angesiedelte Beratungsstelle ADA/Antidiskriminierung in der Arbeitswelt eine Veranstaltung unter dem Titel "Amtssprache Deutsch: Diskriminierung oder bloßes Verständigungsproblem?" durchgeführt. Als Podiumsgäste waren Inga Schwarz von der Hamburger Antidiskriminierungsstelle basis & woge e.V., Herbert Thomsen vom Bremer Erwerbslosenverband (bev) und Sabaheta Brdar als Beauftragte für Migration des Jobcenters Bremen gekommen. Die im Rahmen der Veranstaltung geführte Debatte ist zwar punktuell recht kontrovers verlaufen, dies jedoch durchgehend konstruktiv und respektvoll. Vor diesem Hintergrund möchten wir Sie bzw. Euch auf eine spezifische Thematik aufmerksam machen, um die es bei der Veranstaltung immer wieder gegangen ist - nämlich die Frage, wie mit Übersetzungsbedarfen im Jobcenter verfahren wird.

 

Auf Rückfrage bestätigte Frau Brdar diesbezüglich, dass es im JobCenter eine von der Agentur für Arbeit bundeseinheitlich als "Handlungsempfehlung/Geschäfsanweisung" geregelte Vorgabe gäbe, wonach die Inanspruchnahme von Dometscher_innen ein grundsätzliches Recht aller Kund_innen von Jobcentern darstellen würde - ohne dass diese Leistung in irgendeiner Form kontigentiert wäre (konkret ist dies in der HEGA 05/11 - 08 fest gehalten, die zum Download unter anderem an folgender Stelle zur Verfügung steht: http://ggua.de/fileadmin/downloads/EU/HEGA_05_11-08-3.pdf).

 

Formal handelt es sich bei dieser Information keineswegs um Geheimwissen, im Gegenteil: das Thema ist erst im Sommer Gegenstand einer Fragestunde in der Bremer Bürgerschaft gewesen. De facto waren aber die anwesenden Vertreter_innen unterschiedlicher Beratungsstellen in Bremen (auch solcher aus dem Migrationsbereich) über diese Bestimmung nicht oder allenfalls vage informiert. Entsprechend wussten mehrere Veranstaltungsteilnehmer_innen zu berichten, dass ihre Beratungsstellen von Mitarbeiter_innen des Jobcenters regelmäßig für Übersetzungen oder andere Dienstleistungen gezielt empfohlen würden, gleichsam als eine ausgelagerte und somit finanziell nicht zu Buche schlagende Hilfstätigkeit.

 

Um so wichtiger erscheint es uns, dass zukünftig alle Beratungsstellen in Bremen ihre Klient_innen gezielt auf diese Option aufmerksam machen, mehr noch: sie darin unterstützen, diese Leistung bei Bedarf selbstverständlich in Anspruch zu nehmen. Denn Fakt ist auch, dass die Bestellung von Dolmetscher_innen bislang auf eine Weise geregelt ist, die leider abschreckende Wirkung entfalten kann, womöglich auch soll. Konkret müssen die Sachbearbeiter_innen bei ihrer Teamleitung zunächst einen Antrag stellen und die Notwendigkeit eigens begründen, und erst wenn von diesen das "Ok" kommt, können die Dolmetscher_innen tatsächlich bestellt werden.

 

Zurück zur inhaltlichen Debatte während der ADA-Veranstaltung: In dieser wurde nicht nur durch zahlreiche Beispiele deutlich, dass Übersetzer_innen oftmals dringend fehlen (wobei viele Sachbearbeiter_innen diesen Bedarf schlicht ignorieren, d.h. kein Interesse daran zeigen, ob sie verstanden werden oder nicht). Nein, vielmehr wurde auch darauf hingewiesen, dass es immer wieder zu äußerst unangemessenen Übersetzungsarrangements kommt. Beispielsweise durch minderjährige Kinder, was nicht nur die Übersetzungsqualität drastisch mindert (weil Kinder das Besprochene kognitiv oft gar nicht erfassen können), sondern auch eine erhebliche innerfamiliäre Belastung darstellt. Insofern möchten wir an dieser Stelle auch dem Bremer Senat ausdrücklich widersprechen, der in der oben bereits erwähnten Fragestunde in der Bürgerschaft die nicht näher belegte Einschätzung formuliert hat, dass Kund_innen solche aus ihrem eigenen Umfeld stammenden Übersetzer_innen meist bevorzugen würden. Denn jenseits der Kinderproblematik ist dies für Betroffene mitunter gar nicht so einfach zu leisten. Beispielsweise ist ADA auch deshalb schon um Begleitung zum Jobcenter gebeten worden, weil die als Übersetzer_innen zur Verfügung stehenden Angehörigen ansonsten Urlaub hätten nehmen müssen, um diese Aufgabe zu erfüllen. Mit anderen Worten: Wenn es gute Lösungen mit vertrauten Personen gibt, ist das immer gut - auch im Interesse der Sache. Wo das aber nicht der Fall ist - und dies kommt regelmäßig vor - sollte das Jobcenter selber dafür sorgen (indem es gezielt darauf hinweist), dass kompetente und für diese Aufgabe eigens geschulte Dolmetscher_innen zum Einsatz kommen.

 

Womit ein weiteres in unseren Augen äußerst wichtiges Stichwort erwähnt wäre. Denn in der Debatte wurde ebenfalls deutlich, dass Verständigungsprobleme nicht nur mit der Sprache an sich zu tun haben, sondern auch mit Haltungen. Entsprechend wurde in mehreren Beiträgen auf die Notwendigkeit hingewiesen, die auch in Bremen in der öffentlichen Verwaltung stattfindenden Trainings zur interkulturellen Öffnungen fortzusetzen bzw. zu intensivieren. Welche Bedeutung dies haben kann, wurde im Rahmen unserer Veranstaltung unter anderem anhand des Problems erläutert, wonach sich Klient_innen mit geringen Deutsch-Kenntnissen bisweilen keinen Eingangsstempel für ihre Schreiben geben lassen oder vergleichbares tun können, weil sie vom Sicherheitspersonal außerhalb der Sprechzeiten bereits im Eingangsbereich abgewimmelt werden - ohne echte Möglichkeit, sich angemessen erklären zu können.

 

Wir möchten mit einem Hinweis in eigener Sache schließen: Wenn alles nach Plan läuft, wird ADA im neuen Jahr eine dritte Kraft einstellen können und somit insgesamt über 1,5 Stellen verfügen. Das ist immer noch viel zu wenig, wird uns aber die Möglichkeit geben, unser Beratungsangebot aufrechtzuerhalten und dies weiterhin mit Öffentlichkeitsarbeit zu verbinden. In diesem Sinne würden wir uns unverändert darüber freuen, wenn Ratsuchende ggf. unsere kleinen Flyer in die Hand gedrückt bekämen.

 

Wir wünschen allenthalben einen guten Start ins neue Jahr und verbleiben mit freundlichen Grüßen,

 

Willi Derbogen

Offner Brief von ADA zu Dolmetscher_innen im Jobcenter
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